Literatur

Die Universal „Urzigarre“

Fast vergessen beim Figurenmacher
Vom Ursprung der Kultrennbahn
Car-On-Line September 2011

Porsche 804 Prototyp mit handgeschnitztem Fahrer.

Die Erfolgsgeschichte der Carrerarennbahn begann mit der „Carrera-System“ Rennbahn 1963. Unter der Artikelnummer 400 startete der Porsche 804 als erster Rennwagen in diesem neuen Spielzeug-Segment der Firma JNF, Josef Neuhierl Fürth, in dem unter dem Namen Carrera noch viele weitere Nummern folgen sollten.

Dr. Hermann Neuhierl, der Sohn des Firmengründers Josef Neuhierl, wählte für die ersten Fahrzeuge die bereits im Struxy-System erhältlichen Formel 1 „Zigarrenrenner“ Porsche 804 und Ferrari Tipo aus. Diese Rennwagen waren mit einem Friktionsantrieb ausgestattet, der für den Betrieb auf den elektrischen Rennbahnen durch einen E-Motor zu ersetzen war. Um die Rennstrecken für Kinderzimmer kompakt zu halten, wählte man als Baugröße den Maßstab 1:32, dem aber erst die später im Carrera Universal 132 genannten Rennbahnsystem erschienenen Fahrzeuge entsprachen. Die ersten Formel 1-Zigarren fielen in Relation dazu noch etwas aus der Reihe. Denn die schmale Form der damaligen Vorbildboliden war offensichtlich zu filigran, um die Miniaturen exakt in dieser Größe umzusetzen. Ausschlaggebend dürften insoweit die Abmessungen von in Frage kommenden Motoren gewesen sein, die letztendlich in die Karosserie einzufügen waren.
Vergleicht man den hier vorgestellten Prototyp des Porsche 804 mit dem späteren Serienfahrzeug, erscheint das Ausgangsmodell etwas größer. In Details, insbesondere den asymmetrisch ausgeführten Rückspiegeln, unterscheidet sich der Prototyp vom Serienmodell aber nicht. Deshalb liegt nahe, daß beide Wagen aus dem gleichen Werkzeug stammen und die Abweichungen die Folge eines Schrumpfungsprozesses aufgrund des Alters und dem Verzug der Serienkarosserien sind. Für die Zigarren, die in den 1960er Jahre entstanden, verwendete man noch Cellidor, einen hochglänzenden und schlagzähen Kunststoff. Leider war dieses Material aber nicht dauerhaft formtreu, weshalb es später durch ABS ersetzt wurde. Das dürfte auch die Ursache sein, weshalb die frühen Formel-Zigarren aus dem Universal-System fast alle verzogen sind.

Das Material des Prototypen unterscheidet sich allerdings davon deutlich. Denn Muster wurden oft mit Handabspritzgeräten angefertigt und der dabei benutzte Kunststoff war nicht sehr haltbar. Er wurde mit der Zeit spröde und brüchig. Dieser spezielle Kunststoff mit sehr niedrigem Schmelzpunkt blieb dafür über die Jahre aber sehr formstabil und behielt dadurch die ursprüngliche Form des 804er (vgl. o.).

Der abgebildete Prototyp zeigt weniger Details und seine Innenform war ohne jegliche Rippen, Schraubzapfen oder anderen Komponenten ausgeführt. Vielmehr sind die Achs- und Motoraufnahmen von Hand eingeklebt. Auch die Schleiferöffnungen im Boden erscheinen überarbeitet, obwohl sie der ersten Schleifervariante sehr ähneln.

In diesem Rohstadium landete der Prototyp bei der Firma Fröha, heute bekannt als Frömter, wo man eine Fahrerfigur entwickeln sollte. Fröha produzierte bereits zu dieser Zeit für JNF und daher übernahm man dort die komplette Planung, Umsetzung und Verarbeitung der Figuren.

Chassisvergleich eines blauen 804 aus Serienfertigung mit dem Fahrwerk des PrototypenChassisvergleich eines blauen 804 aus Serienfertigung mit dem Fahrwerk des Prototypen

Ein Serienfahrer mit den beiden Holzmustern.In diesem Prozeß zeichnete man zunächst Skizzen zur Vorlage bei JNF, auf deren Basis danach Modelle und Prototypen aus Holz oder Plastilin, einer Art Knetgummimasse, entstanden. Für den Porsche 804 wurden zwei Holzfiguren als Muster erstellt, die dann zur erneuten Freigabe an JNF gingen. War eine Figur ausgewählt, folgte die Entwicklung der Formen, die zum größten Teil in der Werkzeugbauabteilung von Fröha hergestellt werden konnten. Die Verantwortung dafür trug Firmengründer Hans Frömter, ein gelernter Ziseleur, der die Negativform von Hand aus dem Werkzeug trieb. Waren erste Muster abgespritzt, legte man bei JNF die Bemalung fest. Nach dieser finalen Freigabe nahm man bei Fröha die Produktion der Fahrerfiguren auf, die man schließlich zur Endmontage in den Modellen an JNF lieferte.

So startete 1963 die Carrera-Serienfertigung mit einem roten Porsche 804. Der Prototyp schlummerte derweil 40 Jahre in einem vergessenen Eck bei Frömter, unter Kisten und Archivmaterial verborgen. Aufräumarbeiten brachten das interessante Stück wieder zum Vorschein, das schließlich bei einem Carrera-Sammler landete. Ein Jahr später fanden sich auch die dazugehörigen Holzfiguren, die mit diesem Prototypen nun wieder zusammengeführt sind.

Der rote Porsche 804: Das erste Serienfahrzeug der Carrera Universal 1963.

Text: Mike Wahrlich und Marco Frömter
Fotos: Mike Wahrlich


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